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Crowd Management

Sicherheitskonzept, Crowd Management, Massenpanik - Zeit, aufzuräumen


Sicherheitsplanung für Veranstaltungen ist in Deutschland keine eigenständige Fachdisziplin. Neben den damit verbundenen offensichtlichen Schwierigkeiten (Fehlen von fachlichen Standards, standardisierten Ausbildungen etc.) wird dies vor allem immer dann deutlich, wenn sich die Medien mit diesem Thema beschäftigen. Während man davon ausgehen kann, dass die Kenntnis der Grundregeln eines Fußballspieles bei demjenigen, der darüber berichtet, vorausgesetzt werden kann, ist das Thema Sicherheitsplanung von Veranstaltungen offensichtlich ein „Jedermannsthema“ - denn es gibt ja etwas, womit sich jedes Ereignis immer beschreiben lässt: die Massenpanik. Und wenn man etwas tiefer einsteigen möchte, dann gibt es bestimmt einen Crowdmanager - englische Titel weisen ja bekanntermaßen auf besonders wichtige Positionen hin.

Passend zur falschen und / oder inflationären Nutzung der Begrifflichkeiten ist ein erklecklicher Markt entstanden: Apps, die „Massenpaniken“ verhindern - was besonders toll ist, weil wieder „Massenpanik“ geschrieben werden kann, wenn über die App berichtet wird - Crowd Management als werbeträchtige Dienstleistung und wäre „Sicherheitskonzepte“ eine Aktie, wäre der Kurs wohl bereits längst durch die Decke gegangen.

Das Ganze könnte fast lustig sein, wären die Auswirkungen nicht so fatal: Die Angst vor der „Massenpanik“ hat nicht wenige verunsicherte Vertreter von Genehmigungsbehörden zu Auflagen geführt, die - vorsichtig formuliert - etwas überdimensioniert und an der Realität vorbei waren und - was noch schlimmer ist - sie wird immer noch als Begründung für einen der Kardinalfehler des Notfallmanagements genannt: die zu späte Warnung; „Wir wollten keine Panik“ ist in nicht wenigen Fällen die - gutgemeinte (sic!) - Begründung dafür, warum Informationen zu spät gegeben, Warnungen zu spät ausgesprochen werden. Wenn wir dem Menschen aber ohnehin von Vorneherein nur das Schlimmste zutrauen, indem wir uns von einer aus dem späten 19. Jahrhundert stammenden massenpsychologischen Begründung leiten lassen, dann treffen wir sehr wahrscheinlich die falschen Entscheidungen, wenn es um die Sicherheit genau dieses Menschen geht.

Hier setzt das Konzept des Crowd Management an: beim Besucher unserer Veranstaltung, der - durchaus nachvollziehbar - Bedürfnisse in Bezug auf die Veranstaltung hat. Diese Bedürfnisse reichen von einer vielleicht nicht zu langen Wartezeit am Einlass über eine gute Sicht auf die Bühne bis ihn zu einer Information, ob es sich tatsächlich noch lohnt, sich in die Schlange für die letzte Bahn zu stellen. Zu diesen Bedürfnissen gehört aber auch das Bestreben, sich im Gefahrfall in Sicherheit zu bringen. „Flucht“ ist ein Streben, das nicht irrational, das nicht ansteckend ist und das nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun hat, was in trauriger Regelmäßigkeit als „Massenpanik“ beschrieben wird. Flucht wird problematisch, wenn die Flucht nicht möglich ist - etwa, weil die Planungen von Vorneherein schlecht waren (keine angemessenen Ausgänge), weil die Planung unvollständig war (keine geeignete Beschilderung der Ausgänge), weil organisatorische Fehler auftraten (verschlossenen Ausgänge) oder auch, weil böswilliges Handeln die eigentlich gute Planung konterkariert [1].

Dass sich viele Unglücksfälle bei Veranstaltungen durch eine sorgfältigere Planung hätten vermeiden lassen, stellte John Fruin bereits 1993 [2] fest:

Most major crowd disasters can be prevented by simple crowd management strategies.

Im englischsprachigen Raum ist die Begrifflichkeit „crowd management“ ein feststehender Terminus und Planungsansatz für die sorgfältige und systematische Planung für den Menschen in Menschenansammlungen.Bereits 1980 schrieb die Task Force on Crowd Control and Safety in ihrem Bericht über das Unglück bei einem Konzert der Band The Who, bei dem 1979 11 Menschen ums Leben kamen [3]:

it became increasingly clear that the primary factor in assuring a safe and comfortable environment for large crowds is the planning for their management. There is considerable emphasis in this report on crowd management planning and implementation because (...) it is the key to providing safe events

Fruin definierte Crowd Management 1993[4] wie folgt

the systematic planning for, and supervision of, the orderly movement and assembly of people

Crowd Management wird damit definiert als die systematische Planung für und die Lenkung einer geordneten Bewegung bzw. Ansammlung von Menschen und beschreibt einen präventiven Planungsansatz, der den Besucher und sein Sicherheits- (Wohl)befinden in den Mittelpunkt der Planung setzt.

FRUIN: FIST

Ausgehend von der Frage, welche Faktoren zum Entstehen von Unglücken geführt haben, lässt sich erklären, welches die Faktoren sind, die Einfluss auf die Sicherheit der Besucher bei Veranstaltungen haben. Fruin hat diese Faktoren zusammengefasst:

  • Force - (das Verhindern von) Druck / Gedränge
  • Information - (das Zurverfügungstellen von) Information und Kommunikation
  • Space - Der Bewegungsraum des Besuchers inkl. Infrastruktur
  • Time - Die zeitlichen Dimensionen der Raumnutzung

Hierauf basierend lassen sich Anforderungen in Bezug auf die Planung ableiten. Der Cincinnati Report weist bereits in 1980 auf die Notwendigkeit einer umfangreichen Einbeziehung sämtlicher Einflussfaktoren hin:

Crowd management must take into account all the elements of an event especially the type of event (...), characteristics of the facility, size and demeanor of the crowd, methods of entrance, communications, crowd control, and queueing. As in all management, it must include planning, organizing, staffing, directing and evaluating. Particularly critical to crowd management is defining the roles of parties involved in an event, the quality of the advance intelligence, and the effectiveness of the planning process.

STILL: DIM-ICE Meta Matrix

Keith Still zeigt in der sogenannten DIM-ICE Meta-Matrix[5] einen einfachen Planungsansatz auf, der darauf basiert, dass die relevanten Einflussfaktoren auf den Besucher für jede Phase einer Veranstaltung betrachtet werden müssen. Dies ist nötig, da der Besucher in den verschiedenen Phasen der Veranstaltung unterschiedliche Bedürfnisse hat. Informationen, die während der Anreise notwendig sind, sind andere, als die, die der Besucher braucht, wenn er die Veranstaltung wieder verlässt, die Flächen, die für den Einlass zur Verfügung stehen, müssen anders dimensioniert sein als die Flächen vor der Bühne usw.

Still definiert drei zentrale Faktoren, die die Grundlage für die Planung darstellen:

  • D - Design (Flächenplanung, Infrastrukturen,...)
  • I - Information & Kommunikation
  • M - Management (Personaleinsatz, Ressourcen, ...)

Diese Faktoren müssen für die unterschiedlichen Phasen einer Veranstaltung

  • Anreise- / Einlassphase (ingress),
  • Anwesenheitsphase (circulation) und
  • Auslass- / Abreisephase (egress)

individuell geplant werden.

Die Anreise- und Einlassphase ist gekennzeichnet durch Fragen zu den Zugangswegen zum Veranstaltungsgelände, der Anordnung der Parkbereiche oder der ÖPNV Verkehrsknotenpunkte, dem Platzbedarf der wartenden Menge, der Kapazitäten der Eingangsbereiche, der notwendigen Informationen der Wartenden und Anreisenden sowie der Organisation der Wartenden.

Die Anwesenheitsphase wird bestimmt durch die Bewegungen der Besucher auf der Veranstaltungsfläche. Menschen bewegen sich aus vielen Motivationen, z.B. um beste Sicht zu erlangen, nahe an der gewünschten Attraktion zu sein oder Freunde zu finden. Hierzu benötigen sie Informationen über Standorte, Abläufe, Programme oder Preise. Die Bewegungen müssen gelenkt werden, entweder durch das Geländedesign selbst (Wegeführung), durch Information (z.B. Hinweisbeschilderung) oder aktive Lenkungsmaßnahmen (z.B. versetzter Programmanfang).

Für die Auslassphase von Veranstaltungen, - insbesondere die, die zu einem bestimmten Zeitpunkt enden, bzw. die über einen programmatischen Höhepunkt verfügen, nach dem eine Vielzahl von Personen das Gelände verlassen (z.B. nach einem Feuerwerk) - müssen besondere Maßnahmen getroffen werden, um die dann einsetzenden Bewegungen des Publikums in geeigneter Weise zu lenken, da die Auslässe häufig eine hohe Personenkapazität in kurzer Zeit bewältigen müssen. Dazu kommt, dass die Besucher in dieser Phase oftmals müde, erschöpft und / oder betrunken sind, die Umgebung durch veränderte Sichtverhältnisse anders erscheint und der Informations- und Lenkungsbedarf deutlich höher ist als zu Beginn einer Veranstaltung.

Insgesamt ergibt sich die folgende Matrix (K. Still, 2014)

Crowd Management - Matrix K. Still

Die Matrix besticht durch ihre Einfachheit: geeignete Designelemente (z.B. Türen und Tore) der Einlassphase können für die Auslassphase nicht mehr geeignet sein und müssen angepasst oder können eventuell auch gar nicht mehr benutzt werden. Der Informationsbedarf während einer Einlasssituation im Normalbetrieb ist ein anderer, als in einer Schadenlage in der derselben Einlasssituation. Für das Management von Warteschlangen braucht es andere Qualifikationen als für die Arbeit an einer Bühnenabsperrung - Alle Faktoren werden systematisch miteinander in Beziehung gebracht und können leicht auf Vollständigkeit geprüft werden.

Die Matrix kann benutzt werden zur Planung aber auch zur Prüfung vorhandener Maßnahmen. Sie hilft, die oftmals komplexen Informationen zum Beispiel im Rahmen eines Sicherheitskonzeptes zu strukturieren und kann hierdurch helfen, Schwachstellen oder sogar fehlende Informationen aufzuzeigen.

Crowd Management - Beispiel einer DIM-ICE Analyse


Fazit

Die Planung und Durchführung von Veranstaltungen basiert auf einer Vielzahl zu beachtender Faktoren - hierzu gehören die baurechtlichen Grundlagen oder die Anforderungen des vorbeugenden Brandschutzes genauso wie Fragen der Flächennutzung, der Lenkung der Besucher oder der Organisation. Kommt es bei Veranstaltungen zu Unglücken, ist meist eines oder mehrere der notwendigen Faktoren oder auch der Bedürfnisse der Besucher außer Acht gelassen worden. Statt sich also nicht notwendige Sorgen über „Massenpaniken“ zu machen, sollten Ressourcen lieber in ein gutes Crowd Management investiert werden.



Quellenangaben

[2] Fruin, John J (2002): The causes and prevention of crowd disasters. Originally presented at the First International Conference on Engineering for Crowd Safety, London.

[3] Wertheimer, P (1980): Crowd Management- Report of the Task Force on Crowd Control and Safety. City of Cincinnati.

[4] Fruin, ebd.

[5] Still, K (2014): Introduction to Crowd Science. London. Tylor & Francis Group. S. 118ff.


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Alle Informationen in unserem Lexikon erheben keinen Anspruch auf Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität. Für den Einzelfall wird auf die rechtsberatenden Berufe verwiesen. Stand September 2016
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